Weimer & Weber
Malerei
Malperformance Bilderstreit
Solo
gemeinsame Arbeiten - collaborative works
In hundert Jahren wird man kaum unsere zeitgenössische Kunst heranziehen, wenn man Auskunft sucht über unser Leben und Treiben. Primäre Bildquellen sind die Fotografie, der Film, die Dokumente des Fernsehens.
Das Werk von Olga Weimer und Marcel Weber bildet da eine seltene Ausnahme. Denn ihre Bilder sind einzigartige, freilich extravagante Beiträge zu einer Gesellschafts- und Sittengeschichte der Region, ja der Bundesrepublik. Sie kommentieren auf bizarre Weise gesellschaftliche Rollenspiele, Emanzipationsversuche und infantile Regressionen, Single- Kultur und zwanghaftes Gruppenverhalten, den Geschlechterkampf, Frauen- Power, sexuelle Befreiungen und sexuelle Verkrampfungen, ideologische Verrenkungen und kollektive Neurosen. Weimer/ Weber sind Sensualisten und Theatraliker. Ihr Idiom ist die Körpersprache. Die psychische Mechanik und das konfuse Triebleben stellen sie in einem Theater des Fleisches dar.
Vor allem aber sind Olga Weimer und Marcel Weber brillante Maler. Sie kümmerten sich nie um den ästhetischen Zeitgeist und den Kunstbetrieb, sondern suchten den Wettbewerb nur unter ihresgleichen, mithin unter den Virtuosen und Manieristen der Kunstgeschichte. Sie sind Maler mit Aussagewille und aufklärerischem Anspruch, der sich mit souveränem Spott hinwegsetzt über die Gebote und Verbote einer Moderne, welche die Stoffe, die Themen und Inhalte der Kunst, einer fiktiven Autonomie zuliebe, tilgen wollte.
Ihre künstlerische Sozialisation vollzog sich in einem vitalen, akademisch unverstellten Dialog, also Auge in Auge mit Idolen eigener Wahl. Ihre Akademie war eigentlich das Museum, aber ein Museum ohne Gesetze, ohne Kult und Altäre. Es ist ein Garten der Lüste, in dem sich die beiden bis heute ergehen. Hier wird ihr Sensualismus erweckt und immer neu angeregt und befriedigt.
Nächste Verwandte, die immer wieder zitiert werden, sind die Deutschrömer, die zarten Berserker Feuerbach und Böcklin. Diese Maler nahmen ihnen die letzten Hemmungen, ermutigten beide zur malerischen Fleischeswonne und zur Übertreibung.
Übermütig verspotten sie die Mythen der Moderne, voran den Fortschritts- und Zukunftsglauben. Scharfsinnig diagnostizieren sie, dass utopisches Bedürfnis Flucht vor unerledigten Aufgaben der Vergangenheit sei.
Zukunft gebe es im Grunde gar nicht, umso mächtiger aber sei die Vergangenheit. Daher sind für Olga Weimer und Marcel Weber die Meister der Vergangenheit ein natürliches Gegenüber: Sie sind ständig anwesend und also Gegenwart.
Mit Vorliebe handhaben sie ihre Bilder als Spiegelkabinett ihres Maler- Egos. In zahllosen Ausdrucksvarianten, Maskeraden und Vexierbildern überraschen, ergötzen, narren, nerven und schockieren sie ihr Publikum. Gleichzeitig aber drängt es die Künstler auch zur Gruppe und zur Analyse der konformistischen Mechanismen der Gesellschaft. Zunächst begreifen sie die anderen und die Figurengruppen, die sie erproben, als Vervielfachung und Verstärkung des eigenen Ich. Doch zerren sie, kaum weniger ungestüm, an Hierarchien und Werteordnungen. Fasziniert beobachten und verarbeiten die jungen Maler die gesellschaftlichen Umbrüche, das Erproben neuer kollektiver Lebensformen, die Solidarisierungen, das Ritual der Proteste und Demonstrationen und nicht zuletzt den Kampf der Geschlechter, die sexuelle Freizügigkeit und Anarchie.
Sind Olga Weimer und Marcel Weber realistische Maler? Die einzige Realistik ihres Werkes besteht in der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, im Ausleben radikaler Subjektivität, einer sprunghaften Wahrnehmung und turbulenten Fantasie. Auf kecke Weise nehmen sie für ihre Subjektivität Objektivität in Anspruch. Hartnäckig leugnen sie, dass ihre Sicht der Dinge skurril, verzerrt, satirisch oder auch nur ironisch sei. Sie meinen durchaus ernst, was sie zeigen und ausdrücken und es sei für sie ein Problem, dass man ihnen das nicht glauben wolle. Ihre Bildbühnen und ihre Humoresken erklären sie zur Szenerie des wirklichen Lebens, ja des Menschheitsdramas. So universalisieren sie ihr Menschenbild, ebnen auch die Geschichte ein und requirieren sie als Spielfeld für ihr zeitgenössisches Regietheater. Seit Babylons Zeiten sind die Natur und das Drama des Menschen gleich geblieben, das heißt: Durchdringung von Geschichte und Zeitgenossenschaft.
Werner Marx